Pfarrer Sebastian Kneipp -

Sein Lebensweg

 

Als dem Weber Xaver Kneipp und seiner Frau Rosina in Stephansried im schwäbischen Bayern in der Nacht vom 17. auf den 18.Mai 1821 ein Sohn geboren wurde, da ahnte niemand, dass gerade eine der bedeutendsten Personen im europäischen, ja im weltweiten Gesundheitswesen das Licht der Welt erblickt hatte. „’S ischt a Bub,“ sagte die Hebamme zu Vater Xaver und als er gefragt wurde, wie das Kind denn heißen solle, da bestimmteer: „Der soll heiße wie mei Vatter selig – Anton Sebastian.“ Und daraus wurde dann der Baschtl.

 

 Der Bub wuchs heran. Im Winter ging er zur Schule und half dem Vater in dessen Weberwerkstatt und im Sommer hütete er das Milchvieh der Bauern von Stephansried. Und gerade als Hirtenbub machte er die erste Erfahrung mit der Heilkraft des Wassers, die er später am eigenen Körper erfahren sollte, und die ihn dann schließlich auch weltweit berühmt werden ließ. Die schönste und beste Kuh des Bürgermeisters hatte sich, während der Baschtl das Vieh hütete, ein Bein vertreten und hinkte böse, als der Bub das Vieh abends nach Hause trieb. Aus Angst vor Strafe sagte er nichts von dem Missgeschick und der Eigentümer merkte auch nichts. Als er am nächsten Tag wieder mit der lahmenden Kuh auf die Weide ging, da trat die Kuh in einen Bach, der an der Weide vorbeifloss und blieb lange in dem Gewässer stehen. Als die Kühe dann abends wieder nach Hause getrieben wurden, was das Lahmen der Kuh des Bürgermeisters schon sehr viel besser und war nach einem weiteren Tag in dem Fließgewässer ganz verschwunden.

 

Die Heilkraft der Kräuter lernte Kneipp dann während seiner Studienzeit kennen. Als in der Gegend die Maul- und Klauenseuche um sich griff und viele Tiere an der Krankheit verendeten, trat auch auf dem Hof, auf dem Kneipp damals lebte, ein erster Fall der Seuche auf. Daraufhin wurden alle Tiere mehrmals am Tag mit nassen Tüchern abgerieben und ihnen wurde ein Trank, der aus dem Samen des Bockshornklees zubereitet war eingeflößt. Das hielt die weitere Ausbreitung der Seuche dann wirklich auf.

                                

Wasser und Kräuter, das waren die beiden Elemente, die Sebastian Kneipps Leben auch weiterhin bestimmen sollten. Gegen Ende seines Theologie-Studiums wurde Kneipp schwer krank. Er hustete, spuckte Blut und hatte zeitweise hohes Fieber. Die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen, und er selbst hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, da bekam er eine Schrift über die Heilkraft des kalten Wassers in die Hände. Es war die Schrift „Unterricht von Kraft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen“ von Dr. Johann Sigismund Hahn, die im Jahr 1738 erschienen war. Er las, nein, er verschlang diese Schrift, so fesselten ihn die darin gemachten Aussagen. Obwohl er selbst zunächst nicht an eine heilende Wirkung des kalten Wassers in der beschriebenen Form der Anwendung glaubte, so unterzog er sich selbst doch dieser Behandlung. Er setzte die Behandlung auch fort, als zunächst kein Erfolg erkennbar wurde. Er hustete weiterhin und spuckte Blut. Erst als er die Gelegenheit bekam, eiskalte Vollbäderin der fließenden Donau zu nehmen, da besserte sich plötzlich sein Zustand. Sebastian Kneipp wurde gesund und bestand mit Bravour sein Examen und wurde 1852 zum Priester geweiht.

 

Der Mensch soll nicht nur zu seinem Schöpfer

Flehen um Gesundheit und langes Leben, sondern

Er soll seinen Geist gebrauchen, um die Schätze

Zu finden und zu heben, welche der allgütige

Vater in die Natur hineingelegt hat, als

Heilmittel für die vielfachen Übel des Lebens.“

Das Einfache ist oft das Wirksame, das Milde

Oft das Starke, das Einfühlsame oft das Nachhaltige und das Natürliche oft das Erfolgreiche.

                                                              Sebastian Kneipp

 

Kneipp behielt sein am eigenen Körper erlangtes Wissen über die Heilkraft des Wassers nicht für sich. Er ging damit zwar zunächst nicht an die Öffentlichkeit, aber im Kommilitonenkreis war doch durchgesickert, dass Kneipp bei der damals weitverbreiteten Lungensucht (Lungentuberkulose) helfen konnte. Er wandte die Methode der eiskalten Bäder und Güsse bei einem erkrankten Freund an, und der wurde prompt geheilt. Man wunderte sich über diese für unwahrscheinlich gehaltene Heilung, und nun erfuhr man höheren Ortes von der Methode, die Kneipp zur Heilung anwandte. Das trug ihm eine scharfe Rüge des Präfekten der Hochschule ein. Kneipp wollte daraufhin nichts mehr in diese Richtung tun, doch seine Freunde baten so lange, bis er sich doch wieder dazu überreden ließ.

Diesmal erfährt der Präfekt nichts und Kneipps Wirken bleibt unbehelligt, weil die Kommilitonen dicht halten. Nach der Priesterweihe versieht Kneipp seinenseelsorgerlichen Dienst in verschiedenen kleinen Pfarreien als Kaplan, unteranderem auch in Boos bei Memmingen.

Er ist aber nicht nur als Seelsorger tätig, sondern er hilft den Menschen auch bei ihren Leiden und Gebrechen, soweit er dies kann. Die Bauern halten nichts „vom Gift, was mer ind dr Apothek holt und schlucka mueß.“ Sie vertrauen lieber der Natur und dem neuen Herrn Kaplan, der schnell mit seinem Wissen besticht. „Der siecht dr Kuah am Euter a, was z Berlin dr Butter koscht,“ lautet eines der Urteile über den neuen Kaplan.

 

Doch Kneipp hat nicht nur Bewunderer. Er wird wegen seiner medizinischen Ratschläge, die er den hilfesuchenden Leuten gibt, als „Kurpfuscher“ angefeindet und auch höheren Orts denunziert. So flattert ihm eines Tages ein Strafbefehl über zwei Gulden des Landrichters von Babenhausen auf den Tisch. Er geht nach Babenhausen, bezahlt dort seine Strafe und der Richter lässt sich von Kneipp selbst eine Kurverordnung für sein Gliederreißen schreiben. Dann bricht in München 1854 die Cholera aus und verbreitet sich rasch über die ganze Gegend.

Wie die Fliegen sterben die Menschen dahin und auch in Boos treten die ersten Fälle der Krankheit auf. Kneipp wirft sich mit ganzer Kraft der Seuche entgegen.

Er weiß, Wacholderdämpfe desinfizieren die Wohnungen und die Kranken müssen ins Schwitzen kommen, um der Krankheit widerstehen zu können. Er verordnet heiße Wickel und heißen Tee, sowie Mich mit Fenchel. Zweiundvierzig Menschen sind in Boos von der Seuche befallen und alle zweiundvierzig werden durch diese Behandlung geheilt. Und diesmal erfolgte keine Anzeige beim Gericht, trug ihm aber den Beinamen Cholerakaplan ein.

 

Und dann kam Kneipp 1855 nach Wörishofen, den Ort, von dem die Kneippbewegung weltweit ihren Anfang nahm. Zunächst wurde Kneipp als Beichtvater der Dominikanerinnen im dortigen Kloster bestellt, und übernahm dann 1881, als der bisherige Pfarrer starb, die Pfarrei, die inzwischen schon weit über die Grenzen Bayerns hinaus als Kurort bekannt war, weil das Wirken des Wasserpfarrers immer mehr Anhänger fand. Kneipp selbst indes blieb trotz seines Ruhms und seines ständigen Umgangs mit höchsten Personen der, der er stets war, der Priester Gottes, der den Menschen helfen wollte.

 

Er behielt auch seine herb-herzlich-direkte Art bei, sie ihm aber niemand krumm nahm, nein, er wurde deswegen sogar geschätzt, weil er eben nie ein Blatt vor den Mund nahm. So sagte er zu einem Amtsbruder, der zu ihm kam und über Schwindel und Benommenheit klagte: “Hochwürda, du säufsch z’ viel , dös isch dr ganze Schwindel.“ Er war gewohnt, die Dinge offen beim Namen zu nennen, egal, wen er vor sich hatte. Eine der wohl bekanntesten Überlieferungen über seinen Umgang mit Patienten ist das Gespräch mit einer Frau aus dem Böhmerwald, die zum zweiten Mal in die Sprechstunde kam, und das verschriebene Pulver auf das Brot gestrichen und gegessen hatte, statt es aufzulegen: „O du heilige Simplizitas! Hot dr Herrgott doch en großa Tiergarta! Gut aufg’stricha hab’ ich’s verordnet und sie frisst des Zeug wia a Kindsmus! O Weiberleut!“ Auf die Frage, ob sie das Mus denn auf die Füße legen solle, gab er zurück: „Noi, auf’s Hirn, wenn d’ überhaupt ois hascht. Pfiat de Gott und guete Besserung.“ Das war Pfarrer Kneipp, wie man ihn kannte.

 

Pfarrer Kneipp war es, der die so genannte Fünf-Säulen-Therapie in ihrer Ganzheit zu Bedeutung und Erfolg brachte. Diese fünf Säulen seiner Lehre sind die Wassertherapie, die Bewegungstherapie, die Ernährungstherapie, die Kräutertherapie und die Ordnungstherapie. Alle Elemente seiner Lehre mit den entsprechenden Erfahrungen und Erläuterungen dazu hat Kneipp in seinen Büchern, die Welterfolge wurden, festgehalten und aufgezeichnet. Einer seiner wichtigsten Grundsätze war: „Nicht gegen, sondern mit der Schulmedizin,“ denn Kneipp war sich seiner Grenzen als medizinischer Laie durchaus bewusst. Seine Lehre sollte Ergänzung, nicht Alternative im Sinne von Ersatz sein. Stets warer bemüht, wirkliche Mediziner mit in das Behandlungswesen nach seiner Lehre einzubinden, weil er immer die Meinung vertrat, dass beide Seiten voneinander lernen und profitieren könnten.

 

Dass chützte ihn indes nicht vor Anfeindungen aus dem Lager der Schulmedizin. Immer wieder wurde versucht, ihn der Kurpfuscherei zu bezichtigen und mehrfach musste er sich kräftig zur Wehr gegen solche Anschuldigungen setzen. Dennoch kam es auf dem Gipfel der Kampagne gegen ihn, die teilweise sogar vom Ordinariat in Augsburg, dem er unterstellt war, unterstützt wurde, zu einem offiziellen Gerichtsverfahren gegen ihn.

Da sich die Beschuldigungen indes als haltlos erwiesen, wurde er freigesprochen.

1893 erfuhr er dann eine besondere Würdigung seiner Verdienste aus Rom. Der damalige Papst Leo XIII ernannte ihn wegen seiner Verdienste und seines unermüdlichen Einsatzes für Mensch zu Päpstlichen Geheimkämmerer mit dem Titel Monsignore. Der kleine Dorfpfarrer aus Wörishofen wurde sogar vom Papst gebeten, diesen wegen eigener Beschwerden zu behandeln, und ihm entsprechende Ratschläge zu erteilen. Als Sebastian Kneipp am 17. Juni morgens um 4.30 Uhr verstarb, hinterließ er ein Werk, das auch heute noch Millionen von Menschen Hilfe und Erleichterung bei Beschwerden der unterschiedlichsten Art bringt. Die Kraft der Natur, menschliches Leiden zu heilen oder zu lindern, ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Pfarrer Sebastian Kneipp.

 

Suitbert Tapper

 

 

Quellennachweis:Sebastian Kneipp, Seine Lebensgeschichte, Eugen Ortner, Ehrenwirth-Verlag GmbH,München, ISBN 3-431-02659-1

Helfer derMenschheit, Sebastian Kneipp, Ludwig Burghardt, Kneipp-Verlag GmbH; BadWörrishofen, ISBN 3-921481-23-6