Zur Geschichte des Kneippvereins Bad Waldsee 1912- 2012

 

1912

Auch in Waldsee konstituierte sich am 20. Dezember 1912 ein Kneippverein. Er hatte sich das Ziel gesetzt, Pfarrer Kneipps Naturheilmethoden zur Prävention und Therapie verschiedener Volkskrankheiten zu nutzen und bekannt zu machen. Das Waldseer Tagblatt berichtete am 10. März 1913, dass sich der neu gegründete Verein im Bärenkellersaal erstmals an die breite Öffentlichkeit wandte. Ein gewisser Herr Rettich, Ehrenpräsident der schweizerischen Kneippvereine fesselte durch seinen „mit echt kneippschem Ur-Humor gewürzten Vortrag“ die Zuhörerschaft, so dass sich spontan 21 Personen zum Vereinsbeitritt entschlossen. Der Postmeister Staudacher bedankte sich wohl in seiner Funktion als erster Vereinsvorsitzender – bei dem Redner herzlich. Leider existiert keine explizite Vereinschronik für die Zeit von der Gründung bis zum Jahr 1993. Nur sehr vereinzelt stößt man im Waldseer Tagblatt und danach in der Schwäbischen Zeitung auf Veröffentlichungen des Kneippvereins über Ausflüge, Wanderungen und Vorträge. Das Vereinsleben kam in der Kriegs – und Besatzungszeit höchstwahrscheinlich ganz zum Erliegen und keimte erst danach wieder langsam auf. Sicher ist, dass der Lehrer Hans Kohn für 15 Jahre in der Nachkriegszeit Vereinsvorsitzender war. Er holte den überzeugten Anhänger von Naturheilverfahren, Dr. Peter Michalsen, im Jahr 1955 als Badearzt nach Waldsee, wo er bis 1990 als Chefarzt wirkte und bis 1995 noch Privatgäste behandelte.

 

 

1956

1956 wurde dann der Stadt das Prädikat „Moorheilbad“ verliehen. Der Kneippverein erlebte in dieser Zeit einen Neuaufbruch und die Mitgliederzahl stieg in den 50-er und 60-er Jahren bis auf 104 an. Gesundheitsbewusste Einwohner traten vermehrt in den Verein ein, besonders auch Mittelschichtangehörige wie z.B. Geschäftsleute aus Handel, Gastronomie und Handwerkerschaft sowie Angestellte und Beamte. Das geht aus den Beitragszahlerlisten hervor. Das Kurwesen erfuhr zu dieser Zeit einen beträchtlichen Aufschwung.

 

1974

Aufgrund des großen Engagements von Dr. Michalsen und der verabreichten Kneippanwendungen in den Kurbetrieben wurde 1974 Bad Waldsee der Titel Kneippkurort verliehen. Die Stadt hatte die verlangten Einrichtungen in großzügiger Weise geschaffen. Damit war der Beschluss des Stadtrates von 1928, ein Sanatorium mit Moor- und Kneipptherapie zu bauen zu einem vorläufigen Abschluss gekommen.

In der Vereinsführung folgten auf Hans Kohn noch der städtische Bademeister Anton Pfender und der Pensionär Kurt Blume, der 1972 in den Verein eintrat und gleich als Vorsitzender amtierte. Kassiererin war damals die Kneippbademeisterin Isa Wilhelm und davor die Sparkassenangestellte Maria Nägele. Da die Ämter in der Vorstandschaft in den 80-er Jahren nicht mehr besetzt werden konnten, ruhte praktisch das Vereinsleben.

Ein anerkannter Kneippkurort und kein aktiver Kneippverein in Bad Waldsee! Diese Situationtrat vor 30 Jahren ein. Der Verein schrumpfte bis auf 26 Einzelmitglieder, die vom Landesverband in Stuttgart geführt und verwaltet wurden. In dieser Ausgangslage startete der Kneippbund Baden-Württemberg den Versuch, den Ortsverein wieder zu reaktivieren und veranstaltete im März 1993 zwei Gesundheitstage in Bad Waldsee.

 

1993

Auf den 4. Juni 1993 berief dann der Landesverband eine Mitgliederversammlung, zu der 12 Mitglieder erschienen waren. Diesen Anstoß für einen Neubeginn in der örtlichen Vereinsarbeit unterstützten Kurdirektor und Bürgermeister Rudolf Forcher und Bäderdirektor Klaus Gretzinger tatkräftig, denn ein funktionierender Kneippverein steht einem Kneippkurortgut zu Gesicht und kann auch für Kurgäste sicher nützliche Angebote bereithalten.

Bei der Versammlung wurde eine komplette Vorstandschaft gewählt, in welcher der Chefarzt des Maximilianbades, Dr. Wilmar Oppermann, und der Gesundheitsberater der Städtischen Kurbetriebe Kurt Gindele die Führung übernahmen. Kassiererin wurde Elisabeth Ziegler und als Beiräte fungierten Oskar Spieler und Luise Fritz. In den Beirat wurden 1994 noch Dr. Roland Schaette und Dieter Fussenegger dazu gewählt. Zu Kassenprüfern wurden Alfons Fiegel und Walter Gschwind berufen. Noch im Jahr 1993 konnte der Verein in das Vereinsregister beim Amtsgericht Bad Waldsee eingetragen werden.

Der Neuanfang hat vielfältige Kräfte im Verein freigesetzt. Ein attraktives Programm und gezielte Mundpropaganda trugen dazu bei, dass die Mitgliederzahlen kontinuierlich anwuchsen. Bei der Aktion „Gesund leben in Bad Waldsee“ beteiligte sich der Verein mit Schaukästen über Heilkräuter und mit Heilkräutertee aus dem Hause Dr. Schaette.

Herr Gindele bot im Laufe des Jahres drei Kneipp-Wickel-Kurse in Zusammenarbeit mit Bäderdirektor Gretzinger an.

  An die gesamte Bevölkerung erging vom Verein das Angebot, sich fachgerecht in die Wasseranwendungen an der Wassertretstelle Krumhalde einzuführen zu lassen. Ab 1994 versammelten sich die Mitglieder zu der beliebten und mittlerweile traditionellen Weihnachtsfeier, die damals noch mit einer Tombola verbunden war und im Peterskeller stattfand.

 

 

 1995

Von 1995 an wird das Jahresprogramm in Form eines Faltblattes mit den monatlichen Veranstaltungen für die Mitgliederher ausgegeben. Die vielfältigen Aktivitäten brachten dem Verein einen stetigen Mitgliederzuwachs.

  

1996

Am 20. April 1996 fand erstmals die Hauptversammlung des Kneippbundes Baden-Württemberg in Bad Waldsee statt. Unser Ortsverein wurde dabei für den größten Mitgliederzuwachs geehrt. Auch der im Jahr 1995 angelegte Kräuterlehrgarten in der Badstraße wurde anlässlich der Landeshauptversammlung feierlich eingeweiht und beeindruckte die Tagungsteilnehmer sehr. Im gleichen Jahr wurden 1180 Interessenten durch den Garten geführt. Es kamen Besuchergruppen aus Reutlingen, Wangen und Ulm sowie viele Kurgäste und Einheimische. Seit 1996 wird ein Jahresausflug zu lohnenden Zielen durchgeführt. Beim ersten Mal hießen die Ziele Bad Wörishofen und Ottobeuren. Die Ausflüge sind fast immer mit Betriebsbesichtigungen und Führungen durch Heilkräuterpflanzungen oder sehenswerte Kulturgüter verbunden und finden ihren Abschluss bei einer gemütlichen Einkehr. Die Ziele lagen in all den Jahren zwischen Basel (Ricola) und Innsbruck, zwischen Schwäbisch Gmünd (Weleda), Bad Boll (Wala), Einsiedeln und Radolfzell  Mettnau) und wurden stets gut angenommen.

 1997

Das Jahr 1997 brachte als Neuerung das inzwischen traditionelle Heilkräuter-Gartenfest. Bei Kuchen und Kaffee, bei Kräuterführungen und Unterhaltungsmusik trifft man sich in familienhafter Atmosphäre rund um den Kräutergarten. Eine Änderung gab es 1997 an der Vereinsspitze.Der zweite Vorsitzende Kurt Gindele rückte in das Amt des Vorsitzenden auf, da Dr. Oppermann das Amt in jüngere Hände geben wollte.

Zum 2. Vorsitzenden wurde Dr. Gerold Fiesel gewählt und zur Schriftführerin Agi Jülkenbeck. Herr Gutschera wurde an Stelle von Alfons Fiegel zum Kassenprüfer berufen und Susanne Gretzinger in den Beirat gewählt. Dr. Oppermann wurde für seine Aufbauarbeit von der Versammlung zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Die Mitgliederzahl war in den vier Jahren seit der Reaktivierung des Vereins auf 132 angewachsen. 

 

1998

Das Jahr 1998 war mit einer ganzen Reihe von Gesundheitsthemen besetzt: Krebsvorsorge in der Gynäkologie, Wirbelsäulen- und lenkschmerzen, Herz-Lungen-Wiederbelebung, Kurs über die Bürstenmassage und Viedeovorführungen zu aktuellen Gesundheitsthemen.

Zum 700-jährigen Stadtjubiläum organisierte der Verein mit dem Sponsor AOK das Kneippmobil. Die interessierte Einwohnerschaft konnte hier das Körperfett, das Lungenvolumen, sowie Blutzucker und Blutdruckmessen lassen.

 

1999

Im Jahr 1999 lag der Schwerpunkt neben den traditionellen Veranstaltungen auf Themen rund um die Altersvorsorge wie Gehirnjogging, Vorsorgevollmacht, Pflegeversicherung, Osteoporose, Gewürze als Hilfe für  Verdauung und Gesundheit. Ein Kraftakt war für den Verein die Erstellung eines Gerätehauses im Kräutergarten. Die Gesamtkosten von über 7000 DM wurden durch eine sparsame Haushalts-führung, durch den Verkauf von Dinkelspreu-, Kirschkern- und Getreidekissen, durch Spenden und Eigenleistungen aufgebracht.

 

2000

Im Jahr 2000 wurden einige Anstöße für die Zukunftsbewältigung gegeben und Antworten gesucht auf Fragen wie: Was können wir selbst für eine lebenswerte Zukunft tun im Sinne der Empfehlungen und Ratschläge Pfarrer Kneipps? Wie kann man gesundheitlichen Gefahren in unserer Umgebung begegnen, die von Strahlung, Strom und Wohnungsgiften ausgehen? Für zwölf auswärtige Kneippvereine wurden Führungen durch den Kräutergarten abgehalten. Von den nunmehr 168 Vereinsmitgliedern nahmen rund 50 an der Jahreshauptversammlung teil.

 

2001

Das Vereinsjahr 2001 stand ganz im Zeichen der Vorbereitung des 90-jährigen Vereinsjubiläums im Jahr 2002 und der Landeshauptversammlung, für die der hiesige Ortsverein schon zum zweiten Mal Gastgeber sein durfte. Aus Anlass des Jubiläums erhielt der 1995 eröffnete Kräutergarten ein Pfarrer-Kneipp-Denkmal. Die Kosten für die Granitsäule, die Gedenktafel und die Bronzebüste betrugen ca. 5000 DM, die größtenteils durch Spenden der Stadt, der Fa. Fränkel und der Mitglieder aufgebracht wurden. Bei den turnusgemäßen Neuwahlen erklärten sich fast alle Vorstandsmitglieder bereit, ihre Ämter weiterzuführen. Für den nicht mehr kandidierenden 2. Vorsitzenden Dr. Fiesel rückte Dr. Schaette nach. Für die altershalber aus dem Beirat ausscheidende Luise Fritz wurde Hans-Jürgen Nawroth in das Gremium gewählt.

 

2002

Im Jubiläumsjahr 2002 wurden die 90 Jahre Kneippverein Bad Waldsee gebührend gefeiert. Am Tag nach der Landeshauptversammlung des Kneipp-Bundes Baden-Württemberg mit 38 teilnehmenden Ortsvereinen waren die Stadtpfarrkirche St. Peter, der Kursaal Stadthalle und der Kräuterlehrgarten Orte der Jubiläumsfeierlichkeiten. Der Männergesangverein Nusplingen begleitete sowohl den Festgottesdienst als auch das Festtagsprogramm in der Stadthalle. Den 100 teilnehmenden Vereinsmitgliedern und ca. 50 Gästen wurde ein vegetarisches Büffett geboten. Nachmitttags fand die Einweihung des Pfarrer-Kneipp-Denkmals mit der Landesvorsitzenden Vera Zizmann, Bürgermeister Rudolf Forcher und Pfarrer Richard Schitterer statt. Das Jubiläumsjahr brachte dem Kneippverein viel Anerkennung für die geleistete Aufbauarbeit im ersten Jahrzehnt seit seiner Reaktivierung ein.

Es gelang dem Ortsverein im Kneippkurort Bad Waldsee, sich nach dem Motto „Gesund leben – naturgemäß heilen“ im Gesundheitsbereich einzubringen. Kurgäste und Einheimische profitieren von den vielfältigen Gesundheitsvorträgen, von den Kräuterführungen und den Anleitungen für die Wasseranwendungen, die vor allem der 1. Vorsitzende Kurt Gindele regelmäßig anbietet. Dazu kommen medizinische Fachvorträge überunterschiedliche Krankheitsbilder, wobei auch die Werte einer religiös orientierten Lebensordnung und einer umwelt- und gesundheitsbewussten Lebensführung immer wieder thematisiert werden. Höhepunkte im Vereinsleben jedes Jahres sind die sehr gut besuchten Veranstaltungen wie Jahresausflug, Kräutergartenfest und Weihnachtsfeier.

 

Jahresausflug 2008 nach Kempten

 

…bis heute

Der Kneippverein Bad Waldsee setzte sich im Jahrzehnt vor dem 100-jährigen Vereinsjubiäum 2012 zum Ziel, mehr in den Jugendbereich hineinzuwirken, um langfristig seine Altersstruktur etwas zu verjüngen. Ein erstes Schulprojekt wurde noch im Juni 2002 mit der Förderschule unter Federführung von Agi Jülkenbeck durchgeführt. Für rund 60 Teilnehmer wurde vom Reformhaus Fussenegger ein nahrhaftes Pausenbrot zube-reitet und spendiert. Für die einzelnen Gruppen wurden eine Kräuterführung, Wassertreten, Wassergymnastik und Thermalbaden angeboten. Ein Quiz in der Schule und etwas Gehirnjogging schlossen das Projekt ab. Über drei Tage zog sich im Monat Mai 2011 mit 30 Schülern ein Projekt mit der Eugen-Bolz-Schule hin, wo in die Theorie und die Praxis der gesunden Ernährung, der Wassertherapie, der Heilpflanzenkunde, der Ordnungstherapie und der sportlichen Betätigung eingeführt wurde. Maßgeblich mitgewirkt haben hier Frau Alexia Mayer, Frau Sonja Adolph und Herr Kurt Gindele.

 

Jahresauflug 2009 nach Innsbruck

 

Da die Gesundheitsvorsorge schon in der frühen Kindheit beginnen sollte, machte es sich im Besonderen der Vorsitzende Kurt Gindele in den folgenden Jahren zu seinem Anliegen, schon im Kindergartenalter dies bezüglich aktiv zu werden. In Zusammenarbeit mit dem Kinderreferat des Kneippbundes in Bad Wörishofen wurde im Jahr 2004 eine zweijährige Vorbereitung für die Erlangung des Zertifikates„ Kneipp-Kindergarten“ an der Eugen-Bolz-Schule gestartet. Dafür mussten die Erzieherinnen Schulungen durchlaufen und die Kinder auf kindgerechte Weise in die Pflege und Anwendung von Heilkräutern, in gesunde Ernährung und verschiedene Wassertherapien eingeführt werden. Am 2. Mai 2006 war es dann soweit: Die Landesvorsitzende Vera Zizmann zeichnete den Eugen-Bolz-Schul-Kindergarten – übrigens als ersten in Baden-Württemberg – mit dem Prädikat „Kneipp-Kindergarten“ aus.

  Daraufhin bewarb sich auch der Gut-Betha-Kindergarten um dieses begehrte Prädikat und unterzog sich mit Unterstützung des Bad Waldseer Kneippvereins der zweijährigen anspruchsvollen Vorbereitung und Schulung. Er erhielt im Jahr 2008 als zweiter Kindergarten am Ort und als sechster im Land das Zertifikat „Kneipp-Kindergarten“. Inzwischen geben die Kinder bei Kneippvereinsfesten und- feiern erfrischende Beiträge zum Besten. Man wird sehen, ob sich langfristig die Altersstruktur im Vereinverjüngt und die Zahl von ca. 200 Mitgliedern wesentlich erhöht werden kann. Zum 100-jährigen Jubiläum wäre das ein wünschenswerter Effekt und eine ermutigende Perspektive für die Zukunft.

Franz Hirsch